Betreff: Ihre Stellenanzeige - Leseprobe 2

20.09. Ich – die Nummer 1

An früherer Stelle hatte ich bereits den klassischen Aufbau einer Stellenanzeige charakterisiert: Kurze Unternehmens-vorstellung in der Kopfzeile, dann etwas abgesetzt in Fettdruck ein Schlagwort für die Stellenbeschreibung, gefolgt von Aufgabenumfang und den Erwartungen an den Kandidaten und abschließend das Kleingedruckte mit den Bewerbungs-formalitäten.
Grundsätzlich ist man in diesen Anzeigen ohne Chance auf ein Entkommen dem Superlativ ausgesetzt. Jedes Unternehmen ist selbstredend in seiner Sparte führend oder zumindest aufstrebend und sucht selbstverständlich nur die allerbesten Leute. Schneidet man beispielsweise die Anzeigen von DaimlerChrysler, Audi und BMW aus und legt diese nebeneinander, so ist der einzige Unterschied im Firmenlogo und in der Anschrift zu finden. Gleiches ergäbe sich bei RWE, E.ON und EnBW beziehungsweise Hilti, Bosch und Black & Decker. Durch die sowohl permanente als auch breite Verwendung des Superlativs können zwei Schlussfolgerungen gezogen werden. Entweder ist der Arbeitsmarkt etwa 95% aller Menschen verschlossen, weil sie eben diese überdurchschnittlichen Anforderungen nicht erfüllen, oder ich als Bewerber muss mich verstärkt trauen, von mir selbst ebenfalls in der Bestform zu schwärmen.
Zu Beginn meiner Bewerberaktivitäten hatte ich mich stets um ein neutrales und objektives Bild meiner selbst bemüht. Diese Bewertung meiner Person hatte ich bisher auch immer bekommen. Sämtliche Zeugnisse enthielten Noten, die den wahren Leistungen zumindest entsprechen sollten. Stärken hatte ich demnach in meinen Bewerbungen herausgestellt und Schwächen zugegeben, in der Annahme, dass gemeinhin die Überzeugung herrscht, dass kein Mensch perfekt ist. Weshalb soll man verheimlichen, auf welchen Gebieten man noch Entwicklungsbedarf aufzuweisen hat?
Vielleicht war es naiv von mir, Ehrlichkeit als Maßstab zu bemühen. Schließlich ging es ums Be-werben. Der Wahrheits-gehalt von Werbung an sich ist kein Geheimnis. Vielleicht tat ich mir deshalb damit schwer, weil ich mich als eine ehrliche Haut betrachte. Ich gehe nicht allzu gerne Versprechungen ein, die nicht zu halten sind. Andererseits weiß ich auch, dass für Esso-Benzin kein Tiger sterben muss und zumindest aus diesem Grund keine leichtgläubigen Tierschützer vor dem Essofirmensitz demonstrieren. Vielleicht sollte ich mich damit anfreunden, in meiner Selbstpräsentation neue Saiten aufzuziehen. War es nicht grundsätzlich der Sprachgebrauch in der geschäftlichen Korrespondenz, immer alles äußerst positiv zu formulieren? Hatte ich mich anfangs nicht darüber gefreut, derart nett meine Unterlagen zurückzubekommen? Hatte ich nicht gedacht, ja, Firma X hat mein Potenzial exakt erkannt, aber genau eine Stelle zu wenig zu besetzen? Wie naiv war es zu glauben, aus knapp zehn Seiten Papier die Gesamtqualifikation einer Person derart präzise ableiten zu können? Ging es etwa nicht um Ehrlichkeit, wie ich gemeinhin dachte, sondern um eine eigene Sprache? Eine Sprache, die ich bisher nicht beherrschte, nun aber immerhin erlernen konnte?
Ich beschloss, wenn auch vorerst nur aus privatem Augenzwinkern, ein Stellengesuch zu formulieren, das mich beschrieb und die euphorische Sprache der Unternehmen in deren Anzeigen verwendete.

Bodo Leiter ist ein an mehreren Singlebörsen notierter Junggeselle mit Wirtschaftsingenieurdiplom. Während seines Studiums an der Universität Karlsruhe wurde er gezielt und bestens für selbständiges, analytisches und fachübergreifendes Arbeiten ausgebildet. Um seine persönliche Entwicklung weiterhin und ohne Unterbrechung erfolgreich gestalten zu können, sucht er zum 1. November dieses Jahres eine

Festanstellung als Wirtschaftsingenieur.

Sie sind ein ebenso erfolgreiches wie innovatives Unternehmen und räumlich innenstadtnah in einer deutschen Metropole angesiedelt. Ihre Geschäftsfelder haben Zukunft am Standort Deutschland und begeistern sowohl Ihre Mitarbeiter als auch Ihre Kunden. Sie gewährleisten eine dauerhafte Unterstützung in Einarbeitung und Karriereplanung.

Idealerweise ermöglichen Sie Ihren Arbeitnehmern eine freie Zeiteinteilung und gewähren 30 Tage Jahresurlaub sowie persönliche Unterstützung durch blonde Sekretärinnen bei Routineaufgaben. Ein sportlicher Firmenwagen rundet Ihr Profil ab.

Sollten Sie sich in dieser Beschreibung wiederfinden, so zögern Sie nicht, sich schriftlich bis zum 30.09. unter Angabe Ihrer Entlohnungsvorstellungen mit einem ausreichend frankierten Rückumschlag bei mir zu melden.

Ich fand, es war an der Zeit, den Spieß einmal umzudrehen, und es gefiel mir. Uns Bewerbern wurde allenthalben empfohlen, die Anschreiben möglichst individuell und zugleich akribisch ohne die in der Fachliteratur beschriebenen 1.000 Fehlern zu gestalten. Und die Firmen? Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Selbst die Antworten auf die individuellen Bewerbungen verbreiten Automatencharme; jede Absage, jede Einladung, jede Zusage ist vorgefertigt und wird unabhängig von der adressierten Person verschickt. Oder musste man das Anschreiben nur dreist genug formulieren, um eine persönliche Reaktion zu generieren? Wenn ich einen Fremden grüße, ist es unerheblich, ob ich „Guten Tag“, „Grüß Gott“ oder „Hallo“ sage. Er wird mich förmlich zurückgrüßen. Sage ich jedoch „Vollidiot“, so ist mir zumeist eine persönliche Reaktion sicher. Wie wäre es mit folgendem Anschreiben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Fachpresse ist sich einig: Sofern Ihr Unternehmen auch in Zukunft existieren soll, brauchen Sie kompetente Unterstützung.

Ich bin überzeugt, Ihnen weiterhelfen zu können; schließlich habe ich meine Intelligenz staatlich bescheinigt. Zudem: Meine Sprachkenntnisse gehen deutlich über Rotwelsch hinaus.

Sollten Sie in der Lage sein, ein Jahresgehalt über 60.000 Euro anbieten zu können, erlaube ich Ihnen, sich in den nächsten Tagen bei mir zu melden.

Mit freundlichen Grüßen

Dipl.-Wi.-Ing. Bodo Leiter

P.S.: Dienstags ist es mir nicht möglich Termine wahrzunehmen, da an diesem Tag meine liebste Fernsehserie läuft.

 
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