Betreff: Ihre Stellenanzeige - Leseprobe 2

26.06. Konfusion


Gestern noch hatte ich mir vorgenommen, heute ein wenig früher als sonst aufzustehen, schließlich wollte ich mich an der Uni um die Jobangebote kümmern. Doch mein latenter Vorsatz, früher als üblich zu Bett zu gehen - ich hegte ihn schon seit längerem - blieb latent. Zuerst hatte ich, durch Trägheit bedingt, bis elf fern gesehen. Anschließend wollte ich eigentlich nur noch kurz ins Internet gehen, um meine
E-Mails zu lesen. Naja, als ich mich dann von der vernetzten Welt trennte, war es halb drei.
Ich stand dann gegen zehn auf, und um elf steuerte ich mein Institut an. Auf dem Weg dorthin dachte ich noch einmal an das Telefonat mit meinem Vater und daran, dass es gut war, mein wahres Motiv zu verschweigen. Er war ohnehin schon sauer, dass ich den Job bei Norbert nicht angenommen hatte. Dass ich hauptsächlich bloß nicht in die poplige Provinz wollte, hätte er niemals als Grund akzeptiert. Dazu predigte er mir viel zu viel von Flexibilität und wechselnden Anforderungen. Aber ich würde es ihm schon zeigen. In spätestens zwei oder drei Wochen werde ich das eine oder andere Angebot haben, und dann wird er seine Brieftasche öffnen und mir, wie abgemacht, meine Brasilienreise spendieren.
Ich betrat den schlichten Betonbau, in dem mein Institut untergebracht war. Eine Putzfrau bearbeitete mit einem sperrigen, summenden Gerät den Kunststoffußboden und es roch nach Reinigungsmitteln. Ich umschiffte die Putzfrau und ging auf mein Ziel zu. An der Wand vor mir prangte ein riesiger Glaskasten mit allerlei Aushängen. Vorlesungen, Übungen und Tutorien wurden angekündigt, ebenso zwei Exkursionen und einige Seminare. Sogar die Ankündigung meines Diplomvortrags lächelte mir noch entgegen: Cand. Dipl. Wi-Ing. Bodo Leiter – Ein Benchmark über die Werbeschlagwörter europäischer Energieversorger auf deren Internetpräsenzen. Damit hatte ich mich gut ein halbes Jahr beschäftigt und mir den ersten akademischen Grad erworben.
Aber wo waren die Jobangebote? Aufgeschlüsselt nach Praktikanten, Diplomanden und Absolventen? Ich fand sie nicht. Prüfend musterte ich die Aushänge ein zweites Mal, systematisch von links nach rechts und von oben nach unten. Als ich sicher war, dass hier nichts zu finden war, steuerte ich das Sekretariat an. Weil ich die Verhältnisse kannte, ging ich ohne zu klopfen schnurstracks und außerhalb der offiziellen Sprechzeiten hinein.
„Guten Morgen Frau Thanner!“
„Ah, guten Tag Herr Leiter! Lassen Sie sich doch noch einmal bei uns blicken! Wie geht es Ihnen? Wissen Sie schon, wie es bei Ihnen weiter geht?“
„Noch nicht so ganz, aber deshalb bin ich auch hier. Frau Thanner, wo sind denn die Jobangebote? Eben habe ich draußen geschaut und nichts gefunden. Hängt diese Tafel inzwischen woanders?“
„Nein, die hängt nicht woanders. Wir haben derzeit leider keine Angebote. Traurig, aber wahr. Seit ich hier arbeite, und das sind mittlerweile 24 Jahre, war das noch nie der Fall. Wie es aussieht, wird das aber auch für eine Weile so bleiben. Der Alte hat in der nächsten Zeit keine Termine bei Firmen, bei denen sich etwas ergeben könnte.“
Der Alte, das war mein Professor. Wir im Institut nannten ihn so, allerdings ohne ihn damit abzuwerten. Auf der einen Seite ein komischer Kauz, auf der anderen Seite schwer in Ordnung. Als ich ihm vorgestellt hatte, worüber ich meine Diplomarbeit schreiben wollte, war er sofort begeistert. Nicht, weil ihm das Thema zusagte, sondern weil er mein Engagement schätzte und selbst neugierig war, was man aus diesem Thema machen könnte. Letztendlich hatte er meine Leistung mit einer 1,7 bewertet.
Doch jetzt war ich deutlich verwirrt. Keine Jobangebote? Das konnte doch nicht sein! War hier irgendwo eine versteckte Kamera, und würde gleich irgend ein Semiprominenter um die Ecke kommen und mir erklären, dass ich demnächst bei einem zweitklassigen Privatsender zu sehen sei?
Oder aber hatte sich der Alte mit seinen Kontaktpersonen in der Wirtschaft überworfen? Wohl kaum.
Zum ersten Mal dachte ich an das Thema Arbeitslosigkeit. Ein Thema, das ich bisher immer verdrängt hatte, weil es für mich nicht relevant zu sein schien.
Arbeitslos, das sind die anderen, glaubte ich immer. Die, die von der Hauptschule kommen, bestenfalls so gut Deutsch können wie Erkan und Stefan. Weil Arbeit für Geringqualifizierte ins Ausland verlagert wird und man diese Leute hier kaum noch braucht. Die werden arbeitslos. Vielleicht noch ein paar ab 50, die sich schwer tun im Umgang mit den neuen Medien, oder die körperlich nicht mehr so ganz in Schuss sind. Die werden arbeitslos. Doch nicht ich! Schließlich bin ich jung, ungebunden und ein Hochschulabsolvent! Ein A-K-A-D-E-M-I-K-E-R!!! Gut, von den Lehramtsstudenten wusste ich auch, dass es in der Vergangenheit ein paar Engpässe auf dem Bewerbermarkt gab. Aber Lehrer, das waren für mich sowieso Warmduscher, die nur scharf auf die 15 Wochen Ferien waren. Denen konnte es demnach nicht so viel ausmachen, gar nicht zu arbeiten. Die werden vielleicht arbeitslos.
Ich hingegen habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert, und das noch in Karlsruhe. Ich bin doch Humankapital der Handelsklasse A! Damit hatte man uns doch während des ganzen Studiums gepeitscht: Die Klausur wird hart, aber das sind eben die Ansprüche hier! Das gehört dazu, zu einem Studium in Karlsruhe! Nur dieses Gefühl, zu einer privilegierten, geistigen Elite gehören zu können, machte die Lernerei erträglich und ließ uns noch einmal ganz kräftig die Zähne zusammenbeißen.
Seitens der Unternehmen wurden wir auch als geistige Elite behandelt und regelrecht hofiert: Einige Unternehmens-beratungen veranstalteten Infoveranstaltungen in Verbindung mit einem Segelkurs in Südfrankreich oder einem Geländespiel in Schottland – nur um sich bei uns bekannt zu machen! Wir waren wer! Nun nicht mehr?
Sollte mein Studium mit all seinen Mühen ganz umsonst gewesen sein? Sollte der Scheck, den man uns fünf Jahre lang unter die Nase gehalten hatte, am Ende nicht gedeckt sein?

 

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