Der Rezessionsabsolvent - Leseprobe 1

23.06. Jetzt geht’s los


„Nein, danke! Kein Interesse“, sagte ich zu dem leicht geschniegelten Typen, ohne ihm zugehört zu haben. Ich kannte ihn zwar nicht, doch ich wusste genau, was er wollte: Mich. Meinen Namen, meine E-Mail, meine Telefonnummer, meine Adresse. Das wollte er. Doch ich hatte keinen Bock, ihm das alles zu geben. Ich war gewarnt, schließlich wusste ich von meinen Kommilitonen, wie es dann weitergehen würde: Ich werde von ihm angerufen, und er lädt mich ein. Zum Bewerbertraining. Da wird dann anfänglich ein wenig über die richtige Aufbereitung von Bewerbungsunterlagen und Fangfragen in Vorstellungsgesprächen gefaselt.
Anschließend, und nun kommt der Haken, wird in aller Ausführlichkeit die Produktpalette des eigenen Hauses vorgestellt. War nämlich ein Finanzdienstleister, der sich hinter dem leicht geschniegelten Typen verbarg. Die Krawatte hatte er weggelassen, vielleicht um sich mit uns Studenten auf eine Stufe zu stellen. Das Sakko musste sein, weil es sein Chef wohl wollte. Mit einem Clipboard bewaffnet hatte er hier in der Mensa seinen Hinterhalt aufgebaut, und er wollte zu einer Werbeveranstaltung im Sinne der guten alten Kaffeefahrt einladen.
Wenn ich dann dieses Bewerbertraining besucht hätte, würde er mich ein weiteres mal anrufen. Immer wieder. Solange, bis ich ein gut verdienender, gemachter Mann war, der dann hoffentlich alle Versicherungen bei der geschniegelten Firma abschlossen hat. Am besten im Rund-um-sorglos-Paket, damit mir die Kontrolle über die einzelnen Produkte und Preise fehlt. Erst wenn ich mich selbst entmündigt hätte, würde ich nicht mehr angerufen werden. Nein, danke! Kein Interesse. Und meinen Job, den finde ich ohne fremde Hilfe!
Aus seiner Sicht der Dinge hatte der Typ seinen Job gut gemacht und mich richtig eingeschätzt. Tatsächlich war ich ein frisch gebackener Hochschulabsolvent, ein sogenannter High-Potential. Erst letzte Woche hatte ich den Vortrag, in dem ich meine Diplomarbeit den Gelehrten und Interessierten vorstellt hatte, gehalten und in der anschließenden Diskussion sämtliche Fragen in souveränster Manier gemeistert. Jetzt lag mir die Welt zu Füßen: Schließlich hatte ich ein Wirtschafts-ingenieurdiplom einer der besten deutschen Universitäten, der Technischen Hochschule Karlsruhe, in der Tasche. Was sollte schon schief gehen? Außerdem, ich hatte nie das Problem, eine Arbeit zu finden: Seien es die Aushilfstätigkeit während der Sommerferien, meine Zivildienststelle oder meine Nebenjobs und Praktika als Student. Spätestens im dritten Versuch bekam ich einen Job. Immer. Kann mir irgend jemand einen schlüssigen Grund nennen, weshalb ich mich auf das Angebot zum Bewerbertraining hätte einlassen sollen? Welches ich mir teuer mit den zu erwartenden nervigen Anrufen erkaufen müsste?
In sicherer Entfernung zu dem Sakko-Wegelagerer wartete ich auf Ben, um mit ihm eines meiner letzten Mensaessen einzunehmen. Vielleicht erzählte ich ihm, dass ich – im Gegensatz zu ihm – nicht den Fehler gemacht hatte, mich freiwillig bei dem Finanzdienstleister mit den drei Buchstaben auf die Fahndungsliste zu setzen. Sollte mir dieser Lerneffekt gar die Einladung zum Espresso danach wert sein?
Weiterhin sah ich mich ein wenig vor, denn es könnte sein, dass der geschniegelte Versicherungsfuzzi nicht alleine auf die Jagd ging. Manchmal wurden er und Seinesgleichen von jungen Frauen unterstützt, die arglose Studenten freundlich lächelnd und unter Zuhilfenahme ihres vielversprechenden Augenaufschlags unvermittlelt ansprachen. Fast schon ein Fall für Ede Zimmermanns „Nepper, Schlepper, Bauernfänger“: Ehe man zur Erkenntnis gekommen war, dass etwas faul sein musste, wenn man aus heiterem Himmel derart professionell in ein Gespräch verwickelt wurde, war es meist zu spät, und man hatte sich selbst verkauft: Schneller als man schauen oder denken konnte, waren sämtliche persönlichen Daten auf den Clipboards der Damen notiert. Doch heute war er der einzige, und er quatschte weiterhin Leute an. Trotz der permanenten Zurückweisungen büßte er nichts von seinem Perlweißlächeln ein.
Während ich auf Ben wartete, blickte ich teilnahmslos in das Foyer der Mensa. Da waren die Studentenmassen, die wie in einem Ameisenhaufen umherirrten, ein paar Auslagen mit Gratisheftchen und Flyern für die nächste Party, der Verkaufsstand für die Mensachipkarten und die LED-Anzeigentafel, die über das aktuelle Essensangebot aufklärte. Auf einmal wurde mir bewusst, wie viel sich verändert hatte, seit ich mit meinem Studium begonnen hatte. Früher fehlte diese LED-Tafel, auf kleinen DIN-A-4-Zetteln, die an den Säulen hingen, stand der Speiseplan. Statt der Chipkarte hatte ich mit Essensmarken hantiert. Damals, als ich angefangen hatte. Inzwischen erwartet man, dass die Unikarte Studi- und Bilbliotheksausweis, Semesterticket und Mensachipkarte in sich vereint. Wie die Zeit vergeht. Ich komme mir vor wie ein Opa, den man belächelt, weil er schon wieder von seinem ersten Auto erzählt. Und richtig, die Studenten sind auch fast alle deutlich jünger als ich. Bevor ich mir nun allerdings alt vorkam, sah ich Ben, der mich entdeckt hatte und auf mich zuschritt.

„Was wird denn nun aus Brasilien?“ bohrte Ben.
Mittlerweile saßen wir beim Espresso danach auf den Bierbänken im Mensahof, und wir ließen uns die Sonne auf den Pelz scheinen.
„Weißt ja, wie es von meiner Seite aussieht: Mein alter Herr sponsert mir einen ordentlichen Urlaub, sobald ich einen Job in der Tasche habe. Demnächst geh ich an das schwarze Brett des Instituts, an dem ich meine Diplomarbeit gemacht habe. Vielleicht ist da was Ansprechendes dabei.“
„Hast du dich noch nicht informiert, was der Arbeitsmarkt derzeit hergibt?“
„Nö, wann denn? War total im Stress mit meiner Diplomarbeit: Fertig stellen, drucken, binden lassen, Vortrag vorbereiten, Vortrag halten. Hast ja letztes Jahr selbst die komplette Chose mitgemacht.“
„Bei mir war aber klar, dass ich an der Uni bleibe und wissenschaftlicher Mitarbeiter werde. So langsam sollte ich wissen, wann genau ich meine vier Wochen Urlaub nehmen soll. Außerdem müssen wir uns noch um ein paar Angelegenheiten kümmern, Impfungen und so. Weißt du, ob man für Brasilien ein Visum braucht?“
„Oder sollen wir hier bleiben? Wenn ich mich so umschaue...“
Gleichzeitig hatten Ben und ich zwei junge Damen entdeckt. Sie trugen sowohl ihre Körper als auch ihre sommerliche Kleidung spazieren und stöckelten quer über den Platz, um auch gut gesehen zu werden. Ben ließ sich jedoch nur kurz vom Thema abbringen.
„Ich mein‘ es ernst. Gestern hat mein Prof. gefragt, wer von seinen Miarbeitern wann seinen Urlaub plant.“
„Oder wir machen doch die Woche Malle, da gibt’s diese freundlichen Erscheinungen am Fließband,“ warf ich ein.
„So langsam sollte ich mich auf etwas verlassen können.“
Eigentlich war Ben ok. Ein prima Kumpel, mit dem ich schon einiges erlebt hatte. Aber ein wenig störte es mich schon, dass er von seiner Flexibilität eingebüßt hatte. Vor einem Jahr, als er noch selbst studierte, war das komplett anders. Gut, ich musste wohl akzeptieren, dass man als ordentlicher Arbeitnehmer, der er mittlerweile war, mehr Vorlauf für Entscheidungen brauchte.
„Morgen muss ich übrigens noch in die Provinz. Mein Vater hat mir ein Vorstellungsgespräch bei einem seiner alten Kumpels aufs Auge gedrückt. Wenn ich davon zurück bin, gehe ich ins Reisebüro. Mal sehen, was die an Infos zu Brasilien zu bieten haben. Dann wissen wir schon mehr.“

 
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