Breaking into heaven
Auch wenn man nicht wie Brad Pitt oder George Clooney aussieht, so hätte man dennoch gerne deren Wirkung auf Frauen. Einfach, um stärker beachtet zu werden. Nicht unbedingt ständig, das wäre bestimmt nervig. Wenn man vor lauter Verehrerinnen nicht mehr wüßte, wo einem der Kopf steht oder man gar davor Angst haben müßte, auf die Straße zu gehen, weil man erkannt werden könnte! Nein, das wäre bestimmt des Guten zuviel. Aber ab und zu täte ein wenig mehr Sex-Appeal doch ganz gut, dieses eine Quäntchen, das den Unterschied zwischen Erfolg und Mißerfolg ausmacht. Oder das darüber entscheidet, ob man nun selbst derjenige ist, über den die Frauen vom Nebentisch im Cafe entzückt tuscheln, oder doch wieder einer der Typen von der Leinwand, während sie den Eislöffel eine Sekunde länger im Mund lassen.
"...und dann sind wir doch noch zu ihr gegangen!"
Jan brüstete sich stolz mit seinem Erfolg von letzter Nacht, und Matthias durfte mal wieder über dieses entscheidende Quäntchen grübeln. Gut, Tanja, um die es gerade ging, war jetzt nicht die Art von Mädchen gewesen, die er gerne für sich gewonnen hätte. Aber einfach die Tatsache, dass Jan mal wieder etwas bekommen hatte, das er wollte, und er selbst immer noch darauf wartete, dass ihm ähnliches passierte, wurmte ihn. Das schien nicht gerecht zu sein. Vor drei Wochen erst hatte sich Jan von seiner vorherigen Freundin getrennt. Doch irgendwie schien es mit dem Glück nicht so zu sein, dass diejenigen, die schon länger warten, früher bedient werden. Ironischerweise hatte er selbst bei Tanja und Jan noch den Stein ins Rollen gebracht. Nach einer kleineren Kneipentour landeten sie letztendlich im Babylon, der besten Disko der Stadt. Und Matthias hatte dort eben besagte Tanja wiedergetroffen, mit der er ein paar Monate in einer Telefonzentrale zusammengearbeitet hatte. Irgendwann ging sie nach Münster, weil sie Abi gemacht hatte und jetzt dort studieren wollte, und jetzt war sie mal wieder für ein Wochenende da. Nachdem sie alle Neuigkeiten, die sie sich erzählen wollten, ausgetauscht hatten, machte er sie mit seinem WG-Mitbewohner bekannt. Wie es sich eben so gehört. Aber keine fünf Minuten später war er nur noch Zuschauer gewesen. Jan hier, Jan dort, Tanja hier, Tanja dort! Kaum war er mit ihr oder ihm kurz allein, wurde er erbarmungslos ausgequetscht. Wer ist denn das? Woher kennst du sie/ihn? Was macht sie/er? Und so weiter und so fort.
Nachdem er seine Vermittlerdienste geleistet hatte, stand er etwas ausgeschlossen daneben, und spätestens, als die beiden zu knutschen angefangen hatten, war ihm klar, dass er nicht mehr gebraucht werden würde: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Und soeben hatte er erfahren, wie es weitergegangen war, nachdem er sich dann diskret verdrückt hatte. Sieg auf der ganzen Linie für Jan, und nachher würde er sie wieder treffen. Na schön.
Jan war passend zum Frühstück heimgekommen, schnappte sich die Zeitung und lehnte sich genüßlich zurück. Dem war die Welt gerade sehr genehm, während sich Matthias drauf und dran war mit dem Schicksal zu hadern.
Sicher, es war schwer, als Student hier in Karlsruhe eine Freundin zu finden. Durch die technische Ausrichtung der Universität war es nun einmal so, dass sich 14.000 Männer auf 3.000 Frauen verteilten. Matthias kam es vor, als ob man etwas ganz außergewöhnliches sein mußte, um zum Zuge zu kommen. 14 zu 3, oder 4,7 zu 1, das bedeutete, man mußte im Schnitt besser und interessanter sein als 3,7 andere Typen.
"Jetzt hör dir das an: Unternehmungslustige Sie, Ende 30, will einen Mann für schöne Stunden. Ich glaube, das ist eine alte Hexe, die auf den Geschmack gekommen ist."
Aus Jan sprach die Arroganz des Erfolges. Gut, die beiden hatten sich schon immer gelegentlich bei Langeweile gegenseitig die merkwürdigen Formulierungen der Kontaktanzeigen vorgelesen. Jetzt aber machte Jans Tonfall deutlich: Er gehörte zu den Siegern, und die, die hier drinstehen, das sind die Verlierer.
"Und ihre biologische Uhr tickt. Ganz laut."
Um nicht zu den Verlierern zu zählen, mußte Matthias mitmachen. Ebenfalls Sprüche reißen, sich von den Menschen, die Kontaktanzeigen aufgeben, distanzieren und sich darüber lustig machen. Jan lächelte kurz, wirkte in sich bestätigt und suchte weiter nach verbalen Sensationen.
Eine Anzeige aufgeben. Hatte Matthias darüber schon einmal nachgedacht? Noch nie wirklich, denn er war überzeugt, dass es unter den genannten Umständen sowieso keine gute Partie nötig hatte, per Inserat zu ihrem Glück zu finden. Und wer würde in dieser Stadt auf eine Anzeige mit den Merkmalen männlich und Anfang 20 antworten? Höchstens Mauerblümchen, Fallobst, oder solche, die sich daraus einen Spaß machen würden. Und verarscht werden wollte er nicht.
"Oder hier: ...gutsituierter Akademiker... Da glaubt wohl so ein weltfremder Techniktyp, er könnte durch sein Geld attraktiv wirken!"
Mit einem leicht hörbarem Grinsen signalisierte Matthias Zustimmung. Aber das Problem wurde ihm bewußt: Selbst wenn man eine Anzeige aufgab, wie sollte man sich beschreiben? Entweder, es hörte sich alles nichtssagend gleich an, oder es wirkte übertrieben beziehungsweise volksbelustigend. Sicher, er war kein schlechter Mensch. Durchschnittlich groß, sportliche Figur, eher ein bißchen schlank, aber nicht schmächtig. Angenehme, weiche Gesichtszüge, bernsteinfarbene Augen, Brille und kurzes dunkelblondes Haar. Normal eben, doch wen reißt das so vom Hocker, um ihm ernsthaft zu schreiben? Seine ab und zu auftretenden Pickel hatte er dazu noch verschwiegen.
"Es gibt schon kranke Leute: Da bezeichnet sich tatsächlich eine als vernachlässigte Ehefrau!"
Nach einem erneuten privaten Heiterkeitsanfall wollte Jan auch diesmal seine Freude teilen, und nachdem er sich soweit gefaßt hatte, dass er sprechen konnte, hatte er vorgelesen. Aber es gab sie anscheinend doch, die Frauen, die auch suchten. Leider nur nicht im entsprechenden Alter.
"Im nächsten Leben werd' ich Milchmann."
"Oder Briefträger."
Es gefiel Jan, wie Matthias auf seine Kommentare einstieg. Aber der überlegte weiter. Wäre er überhaupt, so mal grundsätzlich gefragt, in der Lage, einen Text, der ihn treffend beschrieb, zu formulieren? Vielleicht ging das besser, wenn er seine Vorlieben nannte. Bekanntlich sollen Menschen, die dieselben Dinge mögen, auf einer Wellenlänge liegen. Sein Lieblingsbuch? Zu Schulzeiten war es Hesses "Steppenwolf" gewesen, inzwischen hatte er sich von dieser Art Weltschmerz getrennt und großen Gefallen an "High Fidelity" von Nick Hornby oder Paul Watzlawicks "Anleitung zum Unglücklichsein", trotz des pessimistischen Titels ein äußerst amüsantes Werk, gefunden.
Lieblingsfilm? Schon schwerer. Er war kein ausgesprochener Filmliebhaber, und es gab viele, die er nur gut fand. Die Monty-Python-Euphorie hatte er ebenfalls mit dem Abitur in der Schule gelassen, und von "Pulp Fiction" war er auch nicht so überzeugt wie andere. Spontan dachte er an "Sprachlos" mit Geena Davis und Michael Keaton. Ihm war bewußt, dass es nicht der Überfilm war, doch er hatte ihm einmal an einem verdorbenen Tag ein versöhnliches Ende beschert. Alles war beschissen gewesen, vor dem Einschlafen hatte er noch kurz durchgezappt und war hängengeblieben. Und wehren konnte er sich gegen diese temporeiche, rührende Geschichte nicht, sie hatte ihn erfaßt und zufrieden ins Reich der Träume geschickt. Ein amerikanisches Märchen.
"Tanzen und reisen, tanzen und reisen. Immer das gleiche, was die als Hobbys angeben."
Jan fand es irgendwie einfallslos, was geschrieben wurde. Mit einem kurzen Ja hatte Matthias zugestimmt, aber sofort selbst in diese Richtung zu denken begonnen. Was machte er eigentlich in seiner Freizeit? Wenn er ehrlich war, hauptsächlich Fußball spielen, Fußball gucken und über Fußball reden. Gelegentlich ließ er sich noch aktiv und passiv für andere Sportarten begeistern, weiterhin war er ein passabler Skatspieler und konnte eine Zechtour auch schon mal bis morgens um acht durchhalten. Falls er den entsprechenden Zeitschriften Glauben schenken sollte, kamen diese Eigenschaften beim anderen Geschlecht nicht so gut an. Ach ja, er hatte eine Gitarre und übte fleißig, mehr als die Lagerfeuerversionen bekannter Lieder waren jedoch noch nicht drin, und dazu singen, das konnte er nun wirklich nicht.
Das Spiel ging weiter. Jan fand etwas, was er für lustig befand, gab einen Kommentar ab, und Matthias bewies sich mit einem guten Konter. Parallel dazu dachte er aber nach.
Vielleicht sollte er seine Kleidung für sich sprechen lassen, denn darauf achtete er sehr. Die optische Selbstdarstellung der Persönlichkeit. Leger und bequem, weder spießig noch schlampig, meistens gute Jeans mit farblich passendem Hemd, Ärmel grundsätzlich hochgekrämpelt, darüber seinen Stolz, eine braune Wildlederjacke, die er in der Carnaby Street in London gekauft hatte und immer trug. Und dazu gute Schuhe, verdammt noch mal gute Schuhe. Sie waren das wichtigste, denn die zog man jeden Tag an. Er hatte sein Vertrauen in Marken der Independentszene gesetzt, halbhohe schwarze Docs und Chucks, ebenfalls schwarz, zur Auswahl.
Wenigstens hatte er davon Abstand genommen, sich über seinen Musikgeschmack zu definieren. Das hatten irgendwie alle in der Mittelstufe gemacht, die Mädels mit ihren ach so süßen Schmalztypen aus der Bravo, und die Jungs mit Metal, möglichst hart, schnell, laut und aggressiv. Dämliche Klischees, denen er entwachsen war. Die Frage "Was hörst du denn?" war schon lange nicht mehr entscheidend, ob man mit einem anderen Menschen warm werden wollte. Nun gut, er mochte die Stone Roses, The Who und Nirvana, auch wenn man es ihm nicht unbedingt ansah.
Oder sollte er schreiben, wie er sich seine mögliche Freundin vorstellte? Vorzeigbar sollte sie sein, ihm gewisse Dinge auch mal nachsehen. Selbständig sein und nicht klammern, damit er sich nicht eingeengt fühlte, intelligent sein und seinen Humor teilen. Dazu noch unkompliziert, natürlich und, selbstredend, gut im Bett, denn das schien schon alleine der Zeitgeist zu verlangen, und wer kann sich dem widersetzen?
Jetzt hatte er sich fast eine viertel Stunde lang über Kontaktanzeigen Gedanken gemacht, aber kein Ergebnis gefunden, wie er diese vielen möglichen und nötigen Informationen so in vier Zeilen Samstagszeitung packen könnte, ohne etwas entscheidendes wegzulassen, und dennoch so interessant zu wirken, dass gute Angebote kamen. Zudem waren da noch seine Kumpels, und Jan hatte ihm ja gerade deutlich gemacht, was man von Leuten, die Anzeigen aufgaben, halten sollte. Wenn es dann rauskäme, dass er eine aufgegeben hätte! Nein, diese Schmach wollte er sich ersparen. Andere Leute schafften es schließlich auch, trotz der technischen Universität, und sein Selbstwertgefühl sagte ihm, dass er eigentlich nicht zu dem 3,7-er-Rest gehörte. Dafür sorgten solche Erlebnisse wie das mit der zuvorkommenden Verkäuferin. Er räumte sein Geschirr weg, fing eine Made, die sich aus unerfindlichen Gründen auf ihren Küchentisch verirrt hatte, ein, wünschte Jan einen schönen Tag, er solle nachher noch Tanja einen schönen Gruß ausrichten. Es mußte doch noch andere Wege geben!
Listen up sweet child of mine
Have I got news for you
Nobody leaves this place alive
They'll die and join the queue
Sing it
I-I'm I'm gonna break into heaven
I can't wait anymore.

Who feels love

Ein Roman von Michael Schwarz

Links:
mail@herr-schwarz.de
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BNN-Artikel (4.1.2003) als pdf
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